CarRig-Shooting // Die Technik dahinter
Heute zeige ich euch etwas, was ich bisher auch zum ersten Mal probiert habe.
Letzte Woche waren wir in Walldorf auf dem obersten Parkdeck von IKEA mit einem BMW 320d unterwegs, um ein Car Shooting zu machen.
Vielleicht kennt ihr diese tollen Aufnahmen von Autos, bei denen das Auto selbst knackscharf ist, der Hintergrund bzw. alles außenherum total dynamisch verwischt ist?
Dafür macht man sich folgenden Effekt zu nutze:
Die Kamera nimmt eine Langzeitbelichtung auf und behält dabei stets den gleichen Abstand zum Objekt (= Auto) bei. Wenn ich von Langzeitbelichtungen spreche, meine ich Größenordnungen zwischen 0,5 – 2 Sekunden. Aber mehr dazu später
Das kann man jetzt auf 2 wesentliche Methoden hinbekommen:
Entweder man fährt mit zwei Autos – eines, in dem der Fotograf sitzt und vorausfährt, und eines, was hinterherfährt und fotografiert werden soll. Am besten nimmt man einen Kombi oder Van, aus dem man vielleicht sogar mit offener Tür oder Heckklappe fotografieren kann. Hier läuft man aber schnell Gefahr, den konstanten Abstand zu verändern, vom Verwackeln mal garnicht zu sprechen.
Die gängige Variante ist ein Rig. Ein Rig ist eine Konstruktion, die man am Auto befestigt und die Kamera trägt. Üblicherweise befestigt man diese bei kleinen Rigs mit Saughebern am Auto. Damit lässt sich eine stabile und vibrationsarme Konstruktion realisieren, wenn man die richtigen Komponenten einsetzt.
Nachteile der Konstruktion sind allerdings der hohe Preis, die aufwendige Montage, die niedrige Einsatzgeschwindigkeit beim Fotografieren und natürlich das gewisse Restrisiko, dass sich so ein Saugheber mal lösen könnte und das teure Equipment abstürzt.
Der Vollständigkeit wegen möchte ich auch diese Lösung aufführen. Professionelle Rigs werden von den Größen der Automobilfotografie eingesetzt und eliminieren einen Großteil der (oben genannten) Nachteile. So sieht das dann aus:
Beschränken wir uns aber auf die Lösung, die für die meisten Leser noch erschwinglich wäre – die, die wir an dem Tag benutzt haben.
An dem Tag waren wir als Team unterwegs, das sich aus dem Peoplefotografen und Kollegen Tobias Bojko und dem Fotografen Chris Herb zusammensetzt.
Also wurde alles montiert und getestet, ob das Rig unser Equipment trägt.
Apropos Equipment, ihr wollt wissen, was wir eingesetzt haben?
- Kameras: EOS 5D Mark II am Rig & EOS 1Dx (jahaaa, ganz neu!) um unser Making-Of zu filmen, dazu diverse Objektive
- Alu Trussing (Einpunkt Traverse), findet man im Veranstaltungsbereich als Standard-Tragkonstruktion für Bühnen, etc.
- Manfrotto MA 244N Magic Arm
- Manfrotto 035 Super Clamp
- Manfrotto 241FB Saugheber mit flacher Basis
- Manfrotto 322RC2 Kugelkopf mit Schnellverschluss
Ein letzter, prüfender und skeptischer Blick von Tobias und dann geht’s auch schon los
Eingesetzt wurde hier das EF 14mm f2.8 L USM II, später wurde auf das EF 24-105 f4.0 L IS USM gewechselt.
Als ich weiter oben von langen Belichtungszeiten gesprochen habe, hat das natürlich den Zweck, den verwaschenen, dynamischen Effekt zu erzeugen. Dafür muss das Auto garnicht mal schnell sein, im Gegenteil, es wird geschoben! Man könnte auch im Standgas ganz langsam rollen, aber unser Test hat das bestätigt, was ich zuvor auch oftmals gelesen hatte – die Vibrationen durch den Motor sind zu stark. Also müssen Chris und Tobias zum Schieben herhalten
Ausgelöst wurden die Fotos von einem Selbstauslöser mit Zeitsteuerung. Im 2 Sekunden Abstand werden fortlaufend Fotos gemacht, bis der Parkplatz zu Ende war.
Wie ihr seht, war das Wetter an diesem Tag ideal. Ein paar Wolken und Sonne satt. Das hat aber auch zur Folge, dass selbst bei ISO 100 die Belichtungszeit nicht lang genug wird. Also haben wir ND-Filter (Graufilter) auf das Objektiv geschraubt, um weniger Licht zum Sensor dringen zu lassen.
Nach der ersten Perspektive auf dem Dach haben wir das Rig auf die Motorhaube umgebaut. Dadurch kommen wir tiefer und der Blickwinkel ist jetzt weiter von vorne. Vom Schieben sind noch Fingerabdrücke auf der Motorhaube, zwischendurch muss man also ständig putzen!
Was man auch IMMER! im Auge behalten sollte, ist die Stärke des Vakuums unter den Saughebern. Dazu bieten die Manfrotto Saugheber zwar keine 100%ige Sicherheit, aber einen guten Indikator. Auf den blauben Pumpzylindern ist ein roter Ring. Wenn dieser beim Vakuum sichtbar wird, sinkt der Unterdruck und man sollte schleunigst nachpumpen. Also immer mal wieder drüberschauen!
Nach diesen Aufnahmen haben wir zusammengeräumt und sind direkt zurück ins Studio gefahren, wo Tobias sich an die Post-Production gesetzt hat. Natürlich ist bei den Aufnahmen das Rig mit im Bild, was es zunächst zu entfernen gilt. Die Retouche ist je nach Kenntnisse in Photoshop und den mächtigen Werkzeugen mehr oder weniger aufwändig. Für geübte Nutzer sollte dieser Schritt in etwa einer Stunde oder weniger erledigt sein.
Es gibt noch einige Hinweise und nützliche Tipps im Umgang mit so einem Rig.
Aus Stabilitätsgründen sollte die befestige Masse so gering wie möglich gehalten werden. Daher kommen Stangen aus Aluminium, besser aber aus Carbonfasern zum Einsatz, aber das ist eine Kostenfrage. Unsere Lösung aus Aluminium in 4 bzw. 5m Länge kostet inklusive Befestigungsmaterial etwa 500€.
Bei den Saughebern sollte man tunlichst darauf achten, dass die Oberfläche fettfrei und absolut sauber ist, d.h. Glasreiniger oder Universalreiniger mitnehmen!
Das Anbringen kann bauartbedingt meistens nur auf (nahezu) ebenen Flächen erfolgen, was gerade bei modernen Autos mit geschwungenen Formen schwer werden kann.
Beim Entfernen der Saugheber kann es zu unschönen Rändern auf dem Lack kommen, die allerdings in den allermeisten Fällen ohne Probleme zu entfernen sind. Diese kommen vom Talk Pulver, das noch von der Produktion auf dem Gummi vorhanden ist.
Ruckartige Bewegungen, wie Gas geben oder Bremsen sollte man vermeiden, da schlagartig das Vakuum abreißen kann (daher auch Schieben!)
Ungleiche / ungünstige Gewichtsverteilung kann leicht Beulen ins Blech drücken.
Hat man Sportwagen mit Carbon-Karosserie oder Plexiglas Scheiben, muss man besonders vorsichtig sein. Plexiglas Scheiben bekommen irreparabel Ränder.
So, genug gepredigt, was man alles nicht machen soll
Ihr wollt sicher Ergebnisse sehen:
Dazu hat Tobias auf seinem Blog auch nochmal einen eigenen Artikel geschrieben.
Dafür, dass wir das zum ersten Mal ausprobiert haben, sind wir mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden ![]()
Aber ich habe schon wieder neue Ideen, was man verbessern und ändern könnte – auch, um die Stabilität zu erhöhen und die Befestitung zu optimieren.
Wenn das Wetter mitspielt, gibt es bald mehr davon zu sehen, auch mit etwas außergewöhnlicheren Autos!
Hier seht ihr abschließend noch unser Making-Of Video! Auch wenn es vielleicht etwas länger ist, empfehle ich euch, es ganz zu schauen, da wir zwischendrin immer wieder ein paar lustige Aktionen dabei haben, oder etwas erklären. Viel Spaß dabei und bis bald!































































